Früher galten sie Schiffen als Wegweiser in finsterer Nacht. Heute blinken Leuchttürme automatisch, die Gebäude gehören Privatpersonen. In Schottland haben einige ihre Türen geöffnet und bieten das etwas andere Urlaubserlebnis: Übernachten im Leuchtturm.

Ein Maler bräuchte nur drei Farben, um diese Umgebung im Westen Schottlands auf Leinwand zu bannen: Grün für die steppenartigen Wiesen, grau für die mächtigen Klippen, blau für die See, die bis zum Horizont reicht. Den einzigen Hinweis auf einen Leuchtturm gibt das wettergegerbtes Schild: Neist Point, Bed and Breakfast. Wer mehr wissen möchte, soll eine Telefonnummer wählen. Oder sich auf den Weg machen.

Vom Parkplatz aus stapft der Besucher mühsam eine steile Treppe herunter, wandert vorbei an zottigen Schafen hinüber zu einem Hügel und schleppt sich den mit Löchern durchsetzten Zement-Pfad hoch. Und dann steht er da: ein weiß-gelber Farbklecks am Ende eines grasbewachsenen Fingers. Von hier reicht der Blick bis zu den äußeren Hebriden. Im endlosen Blau des Meeres stürzen sich Tölpel aus heiterem Himmel auf ihre Beute. Schwärme von Möwen verfolgen vorbeiziehende Fische; Kormorane flattern hektisch über die Wellen und Eissturmvögel gleiten majestätisch zu ihren Brutplätzen in den Klippen zur Rechten. Der Pfad führt abwärts und endet vor einer Tafel. Die bunte Kreideschrift lockt mit dem Versprechen, vom Bett aus Minkwale und Riesenhaie zu erblicken. Reingehen, Glocke läuten, warten. Irgendwann taucht Kathleen auf und erlaubt dem Besucher, das mit dicken, weißen Mauern geschützte Grundstück zu betreten. Der Leuchtturm Neist Point besteht aus dem fast 20 Meter hohen Turm und zwei Nebengebäuden. Das eine beherbergte einst den Generator für das Nebelhorn, das andere diente zur Unterkunft der drei Leuchtturmwärterfamilien.

Neist Point bietet Bed & Breakfast (Foto: acw)

Seit 1909 tut Neist Point seinen Dienst. Erbaut hat ihn David A. Stevenson aus dem berühmten Stevenson-Clan, der von 1799 bis 1938 auf der Isle of Man und Schottland 97 Leuchttürme baute. Den alten Mann, der aus seinem Häuschen geschlurft kommt, um das Licht in dem hohen Turm anzuknipsen, gibt es nicht mehr. 1989 hat das Northern Lighthouse Board die Leuchttürme Schottlands automatisiert. Die Grundstücke und Gebäude wurden verkauft. Roy nennt Neist Point seit 1991 sein Eigen. Den ehemaligen Energieraum baute er für sich und seine Familie um; in den drei Wohnungen – „Starboard-“, Midships-“ und „Portside Cabin“ – dürfen sich Gäste für 20 Pfund eines der 20 Betten aussuchen. Für 27 Pfund kocht Kathleen auch noch ein Frühstück.

Roy, Kathleen samt Sohn und Hund. (Foto. acw)

Eigentlich wollte der gebürtige Engländer die gelb-weißen Gebäude rund um den Leuchtturm bereits nach drei Jahren wieder verkaufen. Aber der Weltenbummler – er fuhr zur See und in Ostdeutschland LKW – wohnt noch immer in der „Captain’s Cabin“. An manchen Tagen scheint er selbst nicht zu wissen warum. Dann schimpft der 58-Jährige, dessen Arme zahlreiche Motive der Seefahrt zieren, über den örtlichen Tourismusverband. „Als ich 1991 hier angefangen habe, kamen ungefähr 30 Leute am Tag, um sich Neist Point anzuschauen“, erzählt Roy. Heute würden während der Saison 5.000 bis 7.000 Menschen den Leuchtturm und die Klippen besuchen. Trotzdem seien die Wege nicht abgezäunt. Die Leute stampfen über die Wiesen und zerstören die Vegetation. „Eine Toilette hat der Verband auch nicht aufstellen lassen“, schimpft Roy. Deswegen hatte er oft Leute vor seiner Tür stehen, die auf die Örtlichkeiten in seinen Wohnungen wollten. Inzwischen weist ein Schild an der Eingangspforte darauf hin, dass die Toiletten nicht zu besichtigen seien. Einen Zaun um sein Grundstück hat Roy aufstellen lassen, nachdem ein Ehepaar aus Italien plötzlich in der „Captain’s Cabin“ stand als Kathleen aus der Dusche kam.

Roy reicht es jetzt. Neist Point Lighthouse steht zum Verkauf. Aus Amerika und Abudabi hat er bereits Angebote bekommen. „Ich möchte, dass es weiterhin als Bed & Breakfast genutzt wird“, sagt der gelernte Mechaniker,. Das Geschäft gehe gut, berichtet Roy. Vor allem zwischen Weihnachten und Neujahr seien alle Räume ausgebucht – oft bereits 12 Monate im Voraus. Nach dem Verkauf will Roy sich endlich wieder ein Boot zulegen. Der Segeltörn im Mittelmeer ist bereits geplant. „Ich vermisse die Jahreszeiten“, seufzt der Seemann mit Blick auf die grau-grünen Hügel vor seiner Haustür. Die Versuche, etwas anzupflanzen, hat der salzige und harsche Wind im wahrsten Sinne des Wortes dahingefegt. Die schlappe Geranie im roten Topf der „Portside Cabin“ wurde gerade mal drei Tage alt. „Einzig am Regen kann ich erkennen, ob Winter oder Sommer ist“, sagt Roy. „Im Winter kommt er mehr von der Seite, im Sommer von oben.“

Port Side cabin (Foto: acw)

„Da hatte er wohl einen richtig schlechten Tag“, lacht Fran, Besitzerin von Rubh’ Re, dem Leuchtturm auf der Rua Reidh Halbinsel in West Ross. Gemeinsam mit ihrer Partnerin Chris lebt sie seit 16 Jahren in dem 1912 von David A. Stevenson erbauten Bauwerk. Er thront – worauf sein gälischer Name bereits hinweist – auf einer plateauartigen Fläche, zwölf Meilen von Gairloch, dem nächstgrößeren Ort, entfernt. Nach einer schier endlosen Berg- und Talfahrt – mit Klippen zur Linken und kauenden Highland-Rindern zur Rechten – schaut plötzlich seine Spitze über eine Kuppe. Weißer Schacht, gelbe Verzierungen, schwarzes Dach. Ein Leuchtturm mit Hut.

Klassisches Stevensson-Design: Der Leuchtturm Ruf Reidh. (Foto: acw)

„Wir sind viele Sachen“, beschreibt Fran ihre Unterkunft: Bed & Breakfast, Familienunterkunft oder Jugendherberge. Dienstags und donnerstags wird der Frühstücksraum zum Tea-Room. Dann gibt es selbstgebackenen Kuchen und frischen Kaffee, bevor die Besucher zu ihren Wanderungen durch Heide und Felsen aufbrechen. Sie können sich auch Chris anschließen. Dann wandert sie mit ihrer Gruppe vorbei an der ehemaligen Anlegebrücke, rüber zu den steil aus der See ragenden Felsen Stac Dubh und Stac Buidhe – auf denen Klippenmöwen und Tölpel nisten – und über das Moor zurück zum Leuchtturm. Dabei ist der Blick immer auf den Ozean gerichtet. Schließlich will jeder der Erste sein, der einen Seehund, Otter oder Orca sieht. Aber auch auf dem Land gibt es viel zu entdecken. Die Halbinsel ist nämlich eine der wenigen Stellen im Western Ross, an der Seevögel nisten: Dreizehenmöwen, Austernfischer, Seeschwalben, Trottellummeln und Tordalke. Eiderenten, Möwen und Seehunden schmücken auch die weißen Holztüren in Rubh’ Re – die Holzausschnitte hängen unter den Zimmernummern und sollen vor allem den kleineren Gästen helfen, das eigene Zimmer wiederzufinden. Hinter 24 Türen dürfen es sich Gäste in Doppel-, Einzel- oder Stockbetten bequem machen. Im Untergeschoss leben Fran und Chris, befindet sich die Familienunterkunft und der Schlafsaal. Oben stehen den Besuchern Mehrbettzimmer für zwei, vier oder sechs Personen zur Verfügung. Plüschige Teppiche, Bilder von Leuchttürmen in jeglicher Größe, Blümchentapeten und Ohrensessel lassen auch die trüben Stunden vergehen, ohne dass sich das Grau des Tages in die Zimmer schleicht.

Fran vor ihrer Pension. (Foto: acw)

„Ich war noch nie jemand, der lange irgendwo geblieben ist. Aber hier bleibe ich“, lacht Fran, denn eigentlich lacht sie immer. Vor allem als sie erzählt, dass sie neulich zu einer Party auf eingeladen war. Nach weniger Stunden fühlte sie sich völlig überflutet von den Autos und Straßen, Häusern und Menschen. „Dabei war das auf dem Land!“, lacht sie. Vermissen tut Fran nichts. Auch das Wetter und die relative Farblosigkeit der Landschaft macht ihr nichts aus. „Ich lebe gerne hier. Hier gibt es keine Menschenmengen und keinen Verkehr“, lacht sie. „Hier hat das Leben einfach eine ruhigere Gangart eingeschlagen.“

Ann-Christin Wimber

Nachtrag, 19. September 2019: Leider wird Neist Point nicht mehr vermietet, Fran hat den Betrieb an neue Besitzer übergeben.

Weitere Leuchttürme mit Übernachtungsmöglichkeit:

Cantick Head Lighthouse Cottages
Longhope, Hoy, Orkney
http://www.cantickhead.com/

Corsewall Lighthouse Hotel
Corsewall Point, Kirkcolm, Stranraer
http://www.lighthousehotel.co.uk/

Loch Indaal Lighthouse
Port Charlotte, Island of Islay
http://www.lochindaalhouse.com/en/

Mull of Galloway Lighthouse
Stoneykirk, Stranraer
https://www.lighthouseholidaycottages.co.uk

Ross Head Lighthouse
Wick, Caithness
https://www.lighthousekeeperscottage.uk

Rattray Head
Rattray, Peterhead, Aberdeenshire
via facebook: https://www.facebook.com/RattrayHead/

Rua Reidh Lighthouse & Hostel
Melvaig, Gairloch, Ross-shire
http://www.ruareidh.co.uk/

Stoer Head Lighthouse
Stoer Head, Isle of Skye
http://www.stoerlighthouse.co.uk

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