Bornholm ist nicht hipp, Bornholm legt Wert auf Natürlichkeit. Die Ostseeinsel ist nicht groß, trotzdem gönnen Radwege von insgesamt 230 Kilometern Länge dem Drahtesel keine Pause. Bornholm ist nicht billig, doch Räucherfisch gehört zu den Spezialitäten der Insel. Im Süden liegt der Strand mit dem wohl feinsten Sand Europas, im Norden hemmen Klippen und Kanten ein ungetrübtes Badevergnügen. Eine Insel voller Gegensätze – und deshalb für jeden etwas.

Das Meer ist überall. Wenn die reflektierende Sonne seinen Betrachter nicht hektisch nach der Sonnenbrille kramen lässt, dringt zumindest die Brandung herüber. Und wenn das rhythmische Rauschen nicht ins Ohr dringt, kitzelt der salzige Wind die Nasenspitze und verfilzt die Haare. Sogar im Wald blitzt der weiße Bauch der Möwen ab und an durchs wogende Blätterdach.

In Bornholms Mitte sind es nur jeweils 20 beziehungsweise 15 Kilometer bis zur Küste. Flach und lieblich ist sie im Süden, grau und hügelig im Norden. Die Ostseeinsel ist ein Naturphänomen. Für Geologen ist sie neben Plätzen in Afrika und Amerika ein so genannter Hot-Spot, denn hier hört die europäische Granitplatte auf und beginnt die Sandsteinplatte.

Doch das bekommen die meisten Besucher nur dann mit, wenn sie das Museum NaturBornholm in Aakirkeby besuchen. Ansonsten treten sie munter in die Pedale und freuen sich über gut aufgebaute Radwege, wälzen sich am Strand auf den Rücken und blinzeln verschlafen in die Sonne oder schauen dem kleinen weißen Ball hinterher, der erfreulicherweise über das kurze Grün gen Loch taumelt.

„Bornholm hat für fast alle etwas zu bieten“, erklärte Niels Feerup vom Tourismusbüro Destination Bornholm. Nur wer große Partys feiern wolle, sollte sich ein anderes Urlaubsziel aussuchen: Der Tourismusverband propagiert die Insel als Landschafts- und Naturereignis, auf der sowohl gestresste Manager als auch Familien Ruhe und Harmonie finden. Scheinbar erfolgreich: 2002 waren eigenen Angaben zufolge fast 80 Prozent der Urlauber Wiederholungstäter.

Radfahren ist eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Urlauber – kein Wunder bei rund 230 Kilometern ausgebauter Radwege. Diese befinden sich zum Teil dort, wo bis 1968 die Eisenbahn ihrer eisernen Spur folgte. Hier fällt mir das Radeln besonders leicht; ich düse dahin und erfreue mich an den Bildern, die die Landschaft rechts und links der alten Trasse ausgestellt hat: Bunte Höfe, grüne Weiher, blühende Wildwiesen, ruhende Windmühlen oder ein Tunnel aus Blättern und Zweigen. Besonders angenehm ist das Radeln im Süden der Insel. Sanfte Hügel wechseln sich ab mit flachen Ebenen. Auch wenn der Radweg neben der Straße verläuft, schön ist die Tour allemal: Im Mai sprenkeln gelbe Rapsfelder die grüne Landschaft und erklären hellrosa Blütenblätter, weshalb Bornholm auch die Insel der wilden Kirschen genannt wird.

Für eine so kleine Insel hat Bornholm ganz schon viel kurzen Rasen: Vier Golfplätze gibt es auf der Insel – in Rønne, Dueodde, und zwei in Rø. Golf hat in Skandinavien einen anderen Stellenwert als beispielsweise in Deutschland, erklärt Feerup. Es ist ein Volkssport. Entsprechend günstiger sind die Greenfees und Mitgliedsbeiträge der Clubs. „Viele Deutsche sind deshalb Mitglied im Bornholmer Golfclub“, verreit der Däne. Besonders beliebt ist der Golfplatz von Rø im Norden der Insel, wegen seiner tollen Lage und abwechslungsreicher Geländeoberfläche. Er gilt als meist bespielter Platz Dänemarks.

Sandiger Süden, natürlicher Norden
Am südlichsten Zipfel Bornholms liegt Dueodde. Wer hier ungestört den besonders feinen Sand bewundern will, sollte nicht während der Saison kommen. Von den 158 Kilometern Küste nimmt die weiße Familien-Liegefläche fünf Kilometer ein – gemeinsam mit den angrenzenden Stränden Balka, Sømarken und Boderne wird er mit einer Länge von 15 Kilometern zum längsten zusammenhängenden Sandkasten. Erster liegt nordöstlich von Dueodde und ist besonders wegen seines flachen Wassers beliebt. Wer sich sonnen, aber dem Stress der Kindersuche entgehen will, kann sich auch zwischen Rønne und Hasle, in Sandkås oder Melsted an den Strand legen.

Ein Stopp in Snogebæk, ein paar Kilometer oberhalb von Dueodde, gehört auch zum Bornholm-Programm: Der Ort soll am beliebtesten bei den Einheimischen sein – ob es an dem Schokoladenladen „Kjaerstrup Schokolade Snogebæk“ und an Nettis Eisland liegt, ist nicht bekannt.

Und wo ich schon mal dabei bin, begebe ich mich gleich zur nächsten kulinarischen Attraktion: An der Ostspitze Bornholms, im 450 Jahre alten Svaneke, ist im Jahr 2000 die traditionelle Brauerei wiedereröffnet worden. Im „Bryghuset“ kann der Kunde zwischen sechs verschiedenen naturbelassenen Bieren wählen – vom Pils bis zum Starkbier. Abgesehen von einer Pause im Januar hat die Gastwirtschaft ganzjährig aus. Ein Tipp: Das „Bryghuset“ ist auch bei Einheimischen beliebt. Wer abends auf eine Bierprobe vorbeikommen will, sollte reservieren.

Früher herrschte auf Bornholm Holzmangel. Erst um 1800 pflanzte ein Förster verstärkt Wälder. Deshalb haben viele der traditionellen roten oder gelben Fachwerkhäuser nur einen senkrechten Balken und keinen waagerechten. „Um an Holz zu kommen, haben die Bornholmer früher häufig Schiffe in die Irre geführt“, erzählte Fremdenführerin Luna Olsen. „Um sie auf Grund laufen zu lassen, benutzten sie ihre Schafe als Positionslichter.“ Diese mussten mit Lampen am Hals über die Wiesen traben, um den Seeleuten eine sichere Fahrt vorzugaukeln.

Auch in Gudhjem, im Nordosten der Insel, versteckt sich noch das ein oder andere Haus nach alter Bauweise. Berühmt ist der Fischerort aber vor allem wegen seiner Lage an der relativ steilen Küste. Im oberen Ortsteil genieße ich den Blick über rote Dächer, gelbe Häuserwände und den winzigen Hafen bis zu den Erbseninseln hinüber; nach Christiansø kreuzt täglich ein kleines rot-weißes Schiff und bringt Touristen und Nahrungsmittel in die Künstlerkolonie. Zu besichtigen gibt es in Gudhjem zudem das Museum des Heimatmalers Oluf Høst, die graue, aus Granitquadern errichtete Kirche sowie zahlreiche nette Geschäfte, in denen es Glaskunst, Bornholmer Flaggen oder dänische Lakritze zu kaufen gibt.

Im Norden Bornholms kann von ebenen Strecken keine Rede sein. Berg-und-Tal-Strecken erweisen sich für manchen Freizeitsportler als echte Herausforderung. Trotzdem sollte man sich das Dahinrollen gönnen, denn von der Ortseinfahrt Gudhjem aus nördlicher Richtung kommend liegt einem die felsige Nordküste mit ihren rauen Buchten zu Füßen.

Nördlich vom Fährhafen Rønne, auf der Ostseite der Insel, liegt Hasle. Das bunte Küstenstädtchen zeichnet sich vor allem durch zwei Dinge aus: Zum einen startet hier der so genannte Rettungspfad, der an der gesamten Nordküste bis ins 60 Kilometer entfernte Nexø führt. „Da kommt man sich vor wie im Süden“, schwärmt die Reiseführerin Luna Olsen, „weil der Pfad sogar unter Felsen entlang führt.“ Zum anderen stellen in Hasle die Kunsthandwerker der ACAB (Art and Craft Association Bornholm) ihre Objekte aus. Geöffnet ist der umgebaute Kaufmannshof von Ostern bis Oktober; die Ausstellungen wechseln jährlich. Ein Gang durch die restaurierten Räume lohnt sich schon wegen des gläsernen Ausgucks auf dem Dach des Gebäudes – von hier aus winke ich den einlaufenden Fischerbooten zu, freue mich über blühende Gärten und bewundere die kräftigen Farben der Häuser des Ortes. Glaskunstliebhaber sollte einen Blick ins Glasstudio Høm or Högberg werfen. Die hier ausgestellten Gegenstände lassen aber nicht nur diese Herzen höher schlagen.

Interessantes Innenleben
Auch eingeschworene Küstenmenschen sollten einen Abstecher ins Landesinnere wagen. Sonst verpassen sie beispielsweise die berühmten Rundkirchen. Die größte und schönste steht in Østerlars. Sie wurde 1160 erbaut. Ihre runde Form haben die Gotteshäuser vermutlich aus Verteidigungsgründen – wer sich davon überzeugen will, kraxelt die steilen Stufen in der Østerlars-Kirche hinauf und wirft einen Blick in die dunklen, Rad-ähnlichen Räume, in denen Frauen und Kinder Schutz gesucht haben sollen. Im Gegensatz zu den anderen drei Rundkirchen auf Bornholm wurde hier der innere Sockel ausgehöhlt. In ihm befindet sich jetzt das Taufbecken. Einen genaueren Blick sollten Kircheninteressierte auch auf die Darstellung vom Fegefeuer werfen. Interessant, wer da alles als Kandidat für die Hölle galt.

Ann-Christin Wimber

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