Wenn die Tage kürzer werden, ist der Kamin das gemütlichste Plätzchen. Doch auch im Winter gibt es außerhalb der eigenen vier Wände vieles zu entdecken. In Le Grau du Roi an der französischen Mittelmeerküste fahren die Fischer jeden Tag aufs Meer – und liefern ein fabenfrohes Schauspiel bei ihrer Heimkehr.

Es pfeift, kreischt und klappert. Gefühlte Temperatur: minus zehn Grad. Wüßte ich es nicht besser, würde ich meinen, ich befände mich an der dänischen Nordseeküste und nicht in Frankreich am Mittelmeer. Der Strand von Le Grau du Roi ist trotz der winterlichen Jahreszeit geharkt – denn bis vor wenigen Tagen zeigte das Termometer noch 15 Grad an. Jetzt aber peitscht der Wind um die Ecken. Ich wünsche mir zu den Handschuhen und der Mütze einen Nasenschutz, denn mein Riechorgan droht abzufrieren. Trotzdem ist der Parkplatz in der Stadtmitte, gegenüber von dem fast gänzlich leeren Supermarkt, voll. Ich habe gerade noch den letzten Parkplatz bekommen. Doch wer hier parkt, kann ich mir nicht vorstellen. Wen zieht es bei einem solchen Wetter schon ans Meer? Die meisten Autos scheinen dann auch Einheimischen zu gehören – gerade mal ein weiteres deutsches entdecke ich.

Tote Hose im Winter – Le Grau du Roy. (Foto: acw)

Auf der Promenade erwische ich aber tatsächlich Touristen. Sie sind eindeutig erkennbar: Kamera um den Hals oder nach Kleingeld kramend vor dem Toilettenhäuschen stehend. Denn die meisten Restaurants haben um diese Jahreszeit geschlossen. Einige machen erst abends auf. Andere mutige Café-Besitzer trotzen der Jahreszeit. Mit Erfolg. Ihre Tische sind mäßig besetzt mit Besuchern, die der eisige Wind vom Strand und der Promenade vertrieben hat.

Doch Le Grau du Roi bietet einen Grund, ein wenig länger den Naturgewalten zu trotzen: die Fischerboote. Denn der 7.000-Einwohner- Ort besitzt einen historischen Fischerhafen. Tonnen Fisch fahren die Boote jeden Tag ein. Die Kähne mit dem typischen – leicht ungepflegten – französischen Charme werden von Möwen umschwärmt. Laut kreischend warten sie auf jeden Fitzelchen Fischabfall, das den Fischkutter verlassen könnte. Paranoide Erinnerungen an „Die Vögel“ werden wach und ich stelle mich lieber ein Stückchen näher an die Häuserwand. Auch, um möglichen Möwenausscheidungen zu entgehen. Der Lärm ist ohrenbetäubend; der Anblick einmalig.

Faszinierend finden Touristen auch, die kleine Drehbrücke in Aktion zu sehen, die die Boote in den inneren Bereich des Hafens, zu den Fischfabriken, lässt. Während ein Schiff nach dem anderen den kleinen Kanal entlang tuckert, um den Tagesfang los zu werden, gebe ich dem Klappern meiner Zähne nach. Mit halbtoter Nase und erfrohrenen Beinen mache ich mich auf den Weg in die Fußgängerzone. Hier haben diverse Andenkenläden, Schmuck- und Klamottenläden geöffnet. Mittendrin macht eine Bäckerei durch eine für diese Jahreszeit lange Kundenschlange für sich Werbung. Bei „Juliette“ gibt es Fritiertes und Gezuckertes auf die Hand. Genau das Richtige, um noch eine kleine Runde zu drehen und den Sonnenuntergang über dem Meer zu bewundern.

Ann-Christin Wimber

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