In der Nähe der südfranzösischen Stadt Nimes an der Mittelmeerküste liegt versteckt das Weingut Mas des Tourelles. Hier produzieren die Durands nicht nur leckere Weinsorten aus dem Languedoc-Roussillon, sondern betreiben historischen Weinbau. Einmal im Jahr ernten und fermentieren Helfer in römischen Gewändern nach historischem Vorbild die Trauben.

Auf den ersten Blick wirkt das Ganze völlig unspektakulär: Verwilderte Weinstöcke, Reben, die von Bienen umschwirrt werden, und kein klar erkennbarer Pfad zwischen Ranken, Stöcken, Pfählen und der Bepflanzung hindurch. Wer jetzt weder französisch noch englisch lesen kann, ist aufgeschmissen. Denn an der Rezeption des historischen Weingutes Mas des Tourelles nahe Nîmes erhält der Besucher zwar einen Wegweiser durch das scheinbare Chaos, aber eben nur in diesen beiden Sprachen.

Vor knapp 2.000 Jahren stand an der Stelle des heutigen Gutes ein gallo-romanischen Dorf. Hier lag die Produktionsstätte für zahlreiche Amphoren, die über die nahe gelegene Via Domitia nach Spanien und Italien gehandelt wurden. In den 1980ern entdeckten die Weinbauern die Überreste und legten diese mit Hilfe von Archäologen teilweise frei. Diese Ausgrabungsstelle liegt im hinteren Bereich der Farm. Der Weg dorthin führt durch mehrere Darstellungen traditioneller römischen Weinanbaus. Ob in Symbiose mit Olivenbäumen, als Spalier oder in einer Art Trichterform, alle Anbauarten werden auf dem laminierten Wegführer erklärt. So kann der interessierte Weinliebhaber beispielsweise lesen, dass die Römer Ranken und Bäume „verheiratet“ haben, damit der Stamm seine Kraft an den Wein weitergeben kann.

Den ersten Schritt in Richtung experimentelle, gelebte Archäologie gingen die Durands, die Besitzer von Mas des Tourelles, mit der Produktion von traditionellem römischen Wein. Als Grundlage diente ein Rezept für Muslum (s. unten) von Plinius dem Älteren (23 – 79).  Der römische Gelehrte, der das Sprichwort „In Vino veritas“ (Im Wein liegt Wahrheit) prägte, war vor allem durch sein naturwissenschaftliches Werk Naturalis historia bekannt. In diesem präsentierte er rund 20.000 Fakten zu Anthropologie, Botanik und auch zu Arzneien aus Pflanzen- und Tiersubstanzen. So rät Plinius: täglich ein Glas Muslum erhält jung. Gemeinsam mit weiteren Historikern wurden die Rezepte für römischen Wein verfeinert.

Die historische Weinpresse im Mai Tourelles (Foto: acw)

Im Zuge der experimentellen Archäologie konstruierten die Weinbauern zudem einen römischen Weinkeller. Jedes Jahr im September werden die Trauben nach römischer Tradition geerntet und weiterverarbeitet. Dabei tragen die Helfer römische Tuniken und schaffen die gepflückten Trauben mit Hilfe von Körben und Muskelkraft in den Weinkeller. Hier werden sie auf traditionelle Weise gepresst – nämlich mit den Füßen gestampft und anschließend in der eichenen Weinpresse bis auf den letzten Tropfen ausgedrückt. Auch hier ist Handarbeit angesagt. Der Wein wird in tönernen Behältnissen gelagert und mit den Zutaten der jeweiligen Rezepte entsprechend verfeinert.

Wer es nicht schafft, zur traditionellen Weinlese vor Ort zu sein, der kann sich einen Film über die Ernte, römische Weintradition und das Weingut im Weinkeller ansehen. Als Museum dient ein leer stehendes Nebengebäude des Gutes. Hier finden sich an den Wänden zahlreiche Schau- und Erläuterungstafeln zur römischen Weinernte, zur Via Domita sowie in einem separaten Raum Fundstücke aus der Ausgrabungsstätte. Diese sind sowohl auf französisch als auch englisch. Wer keine Lust hat, sich alles durchzulesen, kann sich die Informationen auch einfach durch Ansehen des Films aneignen und sich stattdessen in den schönen Innenhof unter die uralte Glyzinie, um das mediterrane Flair auf sich wirken zu lassen.

Schattenspendend: die uralte Glyzinie im Innenhof (Foto: acw)

Römische Weine

Muslum:
Dieser Wein wurde bei den Römern gerne als Aperitif gereicht. Er enthält Honig sowie zahlreiche Gewürze wie Zimt, Pfeffer oder Thymian. 
Die Durands empfehlen ihn auch zu Entenbrust mit Feigen, Schokoladen-Fondue oder Roquefort. Muslum sollte mit einer Temperatur von 14 Grad serviert werden.

Turriculae:
Dieser Wein wurde nach einem Rezept von Lucius Columelle gefertigt. Angeblich ist er das, was Römer als trockenen Wein bezeichneten. Neben Meerwasser enthält er Defrutum (hochkonzentrierter Traubensaft). Er eignet sich gut in Kombination mit Austern oder Räucherfisch, da er leicht nach Nüssen und Mandeln schmeckt. Turriculae sollte bei 18 Grad serviert werden.

Carenum:
Palladius zufolge wird der Carenum aus überreifen Trauben, Quitte und verschiedenen Pflanzen hergestellt. Er kann zu „fois gras“ und Fruchtkuchen mit einer Temperatur von 14 Grad serviert werden.

Adresse: 4294, route de Saint-Gilles (D38), 30300 Beaucaire, Frankreich, Tel.: 04 66 59 19 72, E-Mail: contact@tourelles.com

Anfahrt : Aus Nîmes a) Richtung Bellegard und von dort auf der D38 Richtung Beaucaire oder b) Richtung Beaucaire (D999) und dann auf der D38 Richtung Bellegarde/Saint-Gilles

Öffnungszeiten inkl. Filmvorführung und Degustation:
1. April – 31 Oktober: täglich 14 bis 18 Uhr sowie Juli und August 10 – 12 und 14 bis 19 Uhr (Sonntagvormittags geschlossen)
2. November bis 31 März: samstags 14 – 17 Uhr

Im Internet: www.tourelles.com

Ann-Christin Wimber

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