Die „Starfish“ und Kapitän Chris sind schon fast nicht mehr zu sehen. Noch dringt leises Tuckern übers Meer, dann verschwindet das kleine Hummerfangboot um die Spitze der Insel. Musik schleicht sich leise aus dem ehemaligen Leuchtturmwärterhaus und vermischt sich mit dem Schreien der Möwen, dem schrillen Kiwit der Austernfischer und dem Geschnatter der Gänse. Leuchtturmwärter sind eingezogen – zumindest für eine Nacht.

Die Küste Newports ist eine kleine Bootstour entfernt und doch liegt Rose Island abgeschnitten in der Narragansett Bay. (Foto: A. Wimber)

Die kleine Insel Rose Island kuschelt sich in eine Bucht, nur ein paar Bootsminuten vor Newport, in US-Bundesstaat Rhode Island, gelegen. Ab 1869 leitete das Licht Rose Island Lighthouse die Frachtschiffe aus der Narragansett Bay hinaus auf den Nordatlantik. 1970 übernahm die Claiborne Pell Newport Bridge, die die Bucht überspannte, mit ihren tausenden Lampen den Job als Beleuchter. Der Leuchtturm verfiel. 1984 gründete eine Gruppe Newporter Bürger eine Gesellschaft zum Erhalt des Seezeichens. Seitdem sorgen sie dafür, dass Insel und Gebäude nicht verfallen. Mieteinnahmen sorgen für das nötige Kapital. Rose Island ist einer der rund 60 Seezeichen, in die sich Gäste einmieten können. Nur wenige sind wie die Leuchtturm vor Newport das ganze Jahr hindurch zu mieten. Auch mit seiner Lage auf einer Insel ist fast einzigartig. Zudem müssen die Leuchtturmwärter auf Zeit hier tatsächlich Aufgaben übernehmen: Die Fahne einholen und hissen, das Tageswetter ins Logbuch eintragen sowie Ordnung in den unteren Räumen halten, wenn dort übernachtet wurde. Denn ab 10 Uhr ist der Leuchtturm für Publikum geöffnet. Vor allem von Juni bis Oktober bietet die kleine Insel einen exklusiven Platz. Dann kommen Urlauber und Einheimische als Tagestouristen, bringen Picknick mit und sehen den Regatten zu, die von Newport aus starten.

Chris Papp bring Besucher auf die Roseninsel. (Foto: A. Wimber)

Chris Papp ist nicht nur Kapitän der „Starfish“, Transportmittel für Tages- und Übernachtungsgäste auf Rose Island. Er ist Hausmeister, Gärtner, Gepäckträger, Herbergsvater und Gänseverscheucher. Kanadagänse meinen nämlich, die kaum eineinhalb Quadratkilometer große Insel gehöre ihnen und springen mit bösem Gezische aus dem Dünengras hervor, sobald sich ihnen ein Mensch nähert. Sie haben fast Recht: Von März bis August ist der Großteil der Insel für Zweibeiner verboten. Brutzeit. Dann darf kein Tagestourist, kein Übernachtungsgast, kein Kajakfahrer, nicht einmal Chris die Insel jenseits der ehemaligen Baracken betreten – Überreste aus dem zweiten Weltkrieg und heute ebenfalls Gästeunterkunft.

Wer übernachtet, erhält von Chris eine Führung. Das Untergeschoss des ehemaligen Wärterhauses ist Museum. „Die Räume hier unten wurden so eingerichtet, wie sie zur Zeit des letzten Leuchtturmwärters aussahen“, hatte Chris der vierköpfigen Familie erklärt, die er an diesem Frühlingstag nach Rose Island gebracht hat. „Sein Enkel hat es aus der Erinnerung rekonstruiert.“ Sogar ein altes Grammophon steht hier. Es funktioniert sogar noch und spielt leicht leiernd die schwarze Schelllackplatte ab, die die Besucher gerade auf den Plattenteller gelegt haben. Im Museum, das im Untergeschoss liegt, können Gäste in zwei Räumen übernachten; das Bad müssen sie sich teilen. Im zweiten Stock, im Keeper’s Apartment, bieten zwei Schlafzimmer und ein großer Wohnraum mit offener Küche Urlaubern ein Zuhause auf Zeit. Ein altertümliches Bad gibt es natürlich auch. „Bitte spült nicht jedes Mal“, bat Chris die Neuankömmlinge bei der Einweisung. „Jedes dritte Mal reicht.“ Der Grund: Rose Island Light erhält Brauchwasser aus einer großen Zisterne. Strom gibt es nur, solange der Generator funktioniert. Es ist ein bisschen wie aus der zu Zeit fallen. Einen Fernseher suchen die Kinder vergebens. Dafür gibt es Spiele, Ferngläser und einen Abenteuerspielplatz namens Leuchtturm.

Kaum angekommen fragt der Junge mit den kurzen, blonden Haaren: „Können wir in die Laterne hoch?“und seine blauen Augen strahlen Chris dabei erwartungsvoll an. Als dieser bejaht, huschen der Junge und seine ebenso blonde Schwester wie bunt gekleidete Wiesel durchs Haus, finden den Aufgang und sausen, laut scheppernd die steile Metalltreppe hinauf. Der Ausblick ist einmalig. Gerade schiebt sich ein blauweißer Frachter die Wasserstraße unter der Newport Bridge entlang. Ein kleines Fischerboot schaukelt von Newport aus durch die Bucht Richtung Meer. Auch zwei Segelschiffe sind zu einer Ausfahrt aufgebrochen. Auf dem Rasen vor dem Leuchtturm watschen die Gänse herum. Die Kinder halten sich die Ferngläser, die hier oben bereitliegen, vor die Augen und starren Schiffen und Gänsen hinterher. 

Bei ihrer Ankunft brachten die vier Urlauber und ihr Kapitän einen Koffer und eine große Einkaufstasche von Bord der „Starfish“. Denn ihr Essen müssen Gäste selbst mitbringen. Einen Kühlschrank gibt es natürlich, ebenso wie Teller, Becher, Besteck, Töpfe und Pfannen in einem wirren Durcheinander an Farben und Größen. Trotz oder gerade wegen seiner Abgeschiedenheit ist Rose Island beliebt als Reiseziel. Im Wohnraum finden sich Erinnerungsstücke vorheriger Besucher. „Einige Leute bleiben für mehrere Wochen“, hatte Chris erklärt. Dann werden viele kreativ. Dort an der Wand ein Bild, das auf eine Schieferplatte geritzt wurde, am Fenster eine Kette aus Muscheln und im Schrank ein Setzkasten mit signierten Fundstücken. 

Langsam wird es dunkel. Die „Starfish“ liegt schon wieder im Hafen von Newport. Erst morgen wird Chris wiederkommen, um nach dem Rechten zu sehen. Die untergehende Sonne zaubert rötliches Licht auf den Abendbrottisch der aktuellen Leuchtturmwärter. Von der Kuppel aus ist der Sonnenuntergang noch viel schöner. Das Wasser wird silbrig, der Himmel lila, dann immer dunkler und schließlich leuchten nur noch die Lichter der Newport Bridge. Der Wind hat das letzte Wort auf Rose Island. Es singt die Besucher leise säuselnd in den Schlaf. Nur manchmal ruft noch eine Gans fragend in die Nacht.

Die Newport-Bridge bei Nacht. (Foto: A. Wimber)

Rose Island Lighthouse
Tel.: +001 (401) 847-4242
Büro: One Washington Street, 02840 Newport, Rhode Island, United States
https://www.roseisland.org

Preise: Zur Auswahl stehen ein Apartment sowie je ein Wohnraum mit Bett im Wärterhaus, im Raum des ehemaligen Nebelhorns sowie eine Übernachtungsmöglichkeit in den ehemaligen Baracken. Die Preise variierten je nach gebuchtem Raum und Jahreszeit. 

Rose Island Lighthouse und die „Starfish“. (Foto: A. Wimber)

Eine Liste von bewohnbaren Leuchttürmen an den US-Küsten findest du hier: http://uslhs.org/fun/lighthouse-accommodations/,http://www.newenglandlighthouses.net/lighthouses-with-overnight-accommodations.html

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